KOPIERER – TEXTMARKER – CORE

1. Conference on Innovation in Higher Education

Es ist höchste Zeit für die internationale Bildungslandschaft, ein Resümee zu ziehen: Vor 15 Jahren setzte der Bologna-Prozess eine europaweite Reform in Gang, die die Studienabschlüsse harmonisieren und die Beschäftigungsfähigkeit der Absolventen auf internationaler Ebene fördern sollte. Wie hat sich die Hochschullehre seitdem verändert? Was sind die nächsten Schritte? Hochschullehrer und -didaktiker aus aller Welt diskutierten diese Fragen bei der 1. Conference on Innovation in Higher Education an der SRH Hochschule Heidelberg.

Die SRH Hochschule Heidelberg hat ihre eigenen Konsequenzen aus Bologna gezogen: Im Jahr 2012 hat die Hochschule das Studienmodell CORE eingeführt (Competence Oriented Research and Education), das die Studierenden zu einer höheren Employability führt und sich dabei verschiedenster aktivierender Lehr- und Lernmethoden bedient. Auch die internationale Bildungsbranche diskutiert das Thema Hochschullehre intensiv. Sowohl staatliche als auch private Einrichtungen setzen sich damit auseinander und stellten ihre Ansätze und Modelle auf der Konferenz vor. Etwa 70 interne und externe Gäste ließen sich zwei Tage lang von Innovationen in der Hochschullehre inspirieren.

„Beim Lernen gibt es eigentlich nur wenige Innovationen. Der Kopierer hat das Lernen umgekrempelt, dann kam der Textmarker, der eine andere Art der Wissensstrukturierung möglich machte“, führte Rektor Prof. Dr. Winterberg in seiner Begrüßung zur CORE-Conference ein. Auch in der Hochschullehre gebe es Innovationen, jedoch gehe jeder hier seinen eigenen Weg. „Zusammen aber können wir den ganzen Wald abfackeln“, war Prof. Winterbergs Appell an die Gäste, die Wege zusammenzuführen. Blick in die Workshops In den Workshops gaben die Referenten von Hochschulen aus Deutschland, Finnland, den USA, den Niederlanden, Paraguay und Großbritannien einen Einblick in ihre Innovationen.

In den USA, so erklärte Cynthia L. Fontaine von der Southern Illinois University, habe man Bologna kaum wahrgenommen. Erst 2010 seien die Studierendenzahlen so stark zurückgegangen, dass man sich Gedanken über die weitere Ausrichtung der Unis machen musste. Die Law School hat es innerhalb kurzer Zeit geschafft, den Fokus auf Kompetenzen zu legen und die internationale Ausbildung zu verstärken: „Die internationale Erfahrung trainiert die Hard und Soft Skills der Studierenden sehr intensiv“, so Fontaine. Das SIU Law´s Legal Globalization Program, das ihre Universität mit der SRH Hochschule Heidelberg durchführt, wird von Studierenden und Professoren gleichermaßen geschätzt. Dem CORE-Prinzip widmete die Konferenz einen kompletten Block mit vier parallel stattfindenden Workshops.

Prof. Dr. Alexander V.l.: Prof. Dr. Jörg Winterberg, Dr. Stijn van der Krogt, Heike Schmoll, Richard von Manteuffel, Cynthia L. Fontaine Jahresbericht 2014 SRH Hochschule Heidelberg 62 Jaroschinsky (BWL) berichtete im Workshop über die Modulumstrukturierung im Sinne von CORE. Prof. Dr. Marc Kirschbaum und Katja Ninnemann (Architektur) beschrieben, wie die neuen Lehr- und Lernmethoden auch Räume verändern: Gruppenarbeitsräume und kleine Lernecken gewinnen an Relevanz. Carolin Sutter und Marcel Crisand (Sozial- und Rechtswissenschaften) stellten Beispiele wie Lerntagebücher vor und diskutierten die Rolle der Benotung: „Das Ziel der Lehrenden – Kompetenzgewinn – muss mit dem Ziel der Studierenden – gute Noten – übereinstimmen.“ Prof. Dr. Jörg Winterberg, Prof. Dr. Julia Rózsa und Adrian Thöny, Bereichsleitung Qualität und Entwicklung, ließen die Workshopteilnehmer ganz CORE-konform mitarbeiten, um den Changeprozess zu demonstrieren, den ein neues Lehr- und Lernmodell mit sich bringt. „Geben Sie den Gegnern eine Insel“, so lautete ein Rat, um die Rollen in diesem Prozess aufzufangen und alle einzubinden: Missionare, aktiv Gläubige, Opportunisten, Untergrundkämpfer, offene Gegner, Emigranten und gleichgültige Zuschauer.

Auch in Finnland steht Kompetenzorientierung ganz oben. An der Åbo Akademi University School of Business and Economics in Turku arbeiten die Studierenden in interdisziplinären Teams zusammen, die ein neues Produkt für einen realen Auftraggeber auf den Markt bringen. „We have amazing results“, berichteten die Referenten. Die Keynote von Dr. Stijn van der Krogt von der Universidad Paraguayo Alemana vermittelte anschaulich, vor welchen Problemen die Hochschulen in Südamerika stehen. Hier fehlt es schlichtweg bereits am gut ausgebildeten Lehrpersonal. Podiumsdiskussion: „Wie viel Innovation braucht Hochschullehre?“ Mit einer Podiumsdiskussion, moderiert von der FAZ-Bildungsjournalistin Heike Schmoll, ging die Konferenz zu Ende. Prof. Dr. Jörg Winterberg beschrieb das CORE-Prinzip nochmals eindrücklich: „Wir haben den Studiengang von hinten aufgezäumt. Das macht andere Methoden und eine neue Rollendefinition der Lehrenden notwendig.“ Auch in Paraguay suchen die Unternehmen nach Mitarbeitern mit Kompetenzen, bestätigte Dr. Stijn van der Krogt. Hier ist die Jugendarbeitslosigkeit extrem hoch, weshalb der Kompetenzansatz auch für die internationale Employability eine besondere Relevanz hat. „Wir müssen weiter gehen, als bloß Wissen zu vermitteln“, äußerte sich Cynthia L. Fontaine.

Die Vorbereitung auf die Karriere sei extrem wichtig, dazu müssten Studierende und Professoren sehr eng zusammenarbeiten. Richard von Manteuffel, Head of HR Learning & Organizational Development bei Roche Diagnostic, brachte die Perspektive der Wirtschaftsunternehmen mit in die Runde. „Wir brauchen Forschungs- und Projektmanagementfähigkeiten“, sagte er. „Das Wissen ist nur noch der Rahmen.“ Für ihn als Arbeitgeber zählen neben den Abschlussnoten die Projekterfahrung und die interkulturelle Kompetenz. „Bologna hat etwas angestoßen, was noch nicht fertig ist.“ Eine Teilnehmerin der Konferenz resümierte: „Das Problem an den Universitäten ist, dass Forschung immer noch anerkannter ist als die Lehre. Wir bräuchten eigentlich eine Exzellenzinitiative zur Lehre, um hier mehr zu tun.“ Vielleicht war die Konferenz ja ein erster Schritt dazu – der Wald ist noch lange nicht abgefackelt. 2016 soll die nächste CORE-Conference an der SRH Hochschule Heidelberg stattfinden.